Polizisten hatten einen Mordsspaß

Das Blut spritzt virtuell. Als Günther Bubenitschek in den Rücken geschossen wird, gibt er auf. Ein Teamkollege hat ihn aus Versehen abgeknallt. Ausgerechnet. Die anderen im Medienzentrum des Landratsamtes hat derweil das „Counterstrike“-Fieber gepackt.

Sechs gegen sechs spielen Polizisten und Mitarbeiter der Jugendämter an zwölf Laptops das berüchtigte Computerspiel, das nach dem Amoklauf von Erfurt traurige Berühmtheit erlangte.

Hinter der nächsten Ecke lauert der Gegner. Vorsichtig und schussbereit pirscht sich der Spieler heran.

Auf dem Bildschirm ist von ihm nur seine Pistole zu sehen. „Getroffen“, ruft er. Aus einer anderen Ecke entfährt es einem Gegner enttäuscht: „Jetzt hat er mich erwischt.“ Kurz darauf ruft Medienpädagoge Wilfried Grüßinger zur Pause. Trotzdem können einige nicht von Maus und Tastatur lassen und spielen einfach weiter.

„LAN-Party“ heißt das, was die Polizisten Karl-Heinz Bartmann, Reiner Greulich und Günther Bubenitschek von der Kommunalen Kriminalprävention für ihre Jugendsachbearbeiter organisierten. Die Computer sind miteinander vernetzt, alle spielen an einem Spiel. Was macht die Faszination der Computerspiele aus? Wo liegen Nutzen, Risiken und Grenzen? Solche Fragen soll diese außergewöhnliche Fortbildungsveranstaltung beantworten. Gleichzeitig geht es aber auch darum, sich mit der Lebenswelt der Jugendlichen zu beschäftigen – ummitreden zu können.

„Das hat mich schon gepackt“, gibt ein Polizist bei der anschließenden Diskussion zu. Anfangs hätten ihn die dreidimensionalen, brutalen Bilder noch abgeschreckt. Gegen Ende habe er die gegnerischen Figuren aber nur noch als abstraktes Ziel gesehen. Insofern glaube er nicht, dass das Computerspiel Jugendliche zu Gewalttaten anstifte. Reiner Greulich gibt ihm Recht. Er habe schnell verstanden, was seine Mitspieler vorhatten und versucht Taktiken zu entwickeln: „Es gab einzelne Spieldurchgänge, da haben wir keinen einzigen Schuss abgefeuert.“ Nichts habe er vor der LAN-Party über „Counter Strike“ und ähnlichen „Ego Shootern“ (so nennt man derartige Spiele) gewusst, nur das, was in der Presse stand, sagt ein anderer. Und da der Amokläufer von Erfurt ein begeisterter „Counter Strike“-Spieler war, habe er für ein Verbot plädiert. Nach der eigenen Erfahrung könne er sich aber auch eine Altersfreigabe ab 14 Jahren vorstellen: „Ich glaube nicht, dass das Spiel zu Gewaltexzessen führt.“ Grüßinger sieht das ähnlich. Er ist Mitglied im Landesnetzwerk für medienpädagogische Elternarbeit und im Gremium Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), die die Altersfreigaben für Computerspiele festlegt (für „Counter-Strike“ liegt sie bei 16 Jahren): „Der Spieler möchte gewinnen. Das Regelwerk steht im Vordergrund, nicht die Gewalt.“ Wenn Jugendliche normal aufwüchsen, sei die Gefahr, die von solchen „Ego Shootern“ ausgehe, eher gering. Fehlende soziale Kontakte oder Gewalterfahrungen in der eigenen Lebensumwelt seien viel gefährlicher.Grüßinger betont sogar einige positiven Effekte von „Counter Strike“: Es wird in der Gruppe gespielt. „Wenn man Jugendliche über eine LAN-Party dazu bekommt,mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen, warum nicht?“

Grüßinger bemängelte, dass es kaum Freiraum für junge Leute gebe: „Wo dürfen sie denn noch auf Bäume klettern oder herumlungern?“ Die Faszination des Computerspiels packte fast jeden der Teilnehmer des außergewöhnlichenWorkshops. Grüßinger erklärte dies mit dem „Flow“: Nach und nach wolle man seine Leistung immer weiter verbessern, bis man völlig mit dem Spiel verschmelze: „Man geht nicht mehr auf die Toilette, isst nichts mehr, vergisst die Zeit.“ So funktioniere jedoch jedes Computerspiel, das sei nicht allein das Problem von „Ego Shootern“. Grüßinger: „Dadurch ist der Spieler noch lange nicht süchtig.“ Gleichwohl müssten die Eltern Sorge dafür tragen, dass ihre Kinder nicht nur noch vor dem Computer hängen und ihre anderen Aktivitäten einstellen. Das größte Problem seien arbeitslose junge Menschen, die den ganzen Tag vor der Flimmerkiste sitzen und keinerlei sozialen Kontrolle mehr unterliegen.

22.10.08 11:07

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